Leseprobe I

1. Kapitel

_____

Sie wachte auf.

Der erste Moment war friedlich, beinahe schon geborgen. Sie hörte nichts, blinzelte und versuchte die vielen Eindrücke zu ordnen.

Wo bin ich?

Ihre eigene Stimme hallte in ihren Gedanken nach wie in einer großen Halle und sie lauschte dem Echo. Beinahe hätte sie gelächelt … bis ein eiskalter Blitz durch ihren Körper jagte und sie das Gefühl hatte innerlich zu verbrennen. Schreiend vor Schmerz bäumte sich ihr schmächtiger Körper auf.

Sie keuchte, schlug um sich und blieb schließlich zitternd auf dem matschigen Untergrund liegen. Farbfunken und verschwommene Umrisse umnebelten sie.

Sie versuchte sie abzuschütteln, doch alles was ihr gelang war, müde den Kopf zur Seite zu legen. Sie schloss die Augen in der Hoffnung, der Schmerz würde bald abklingen. Wie eisige Wellen überschwappte er sie immer wieder.

Nur langsam wurde es besser, quälend langsam. Eine bleierne Müdigkeit zog an ihr, doch etwas hinderte sie daran, ihr nachzugeben. Als ihr plötzlich ein Messer grausam in den Leib gerammt wurde, drehte sie sich mit einem Ruck um und heulte herzerweichend. Die Tränen strömten ihr über die Wangen, sie kauerte sich zusammen und litt unbändig.

Über lange Zeit kämpfte sie gegen den Schmerz, denn er verging nur schleppend. Sie blieb liegen, mit keuchendem Atem und weit aufgerissenen Augen, angespannt. Auch als der Schmerz abgeklungen war, verharrte sie in ihrer Position, aus Angst vor dem nächsten eisigen Messer.

Nach gefühlten Stunden wagte sie es, sich umzudrehen und sich zaghaft aufzusetzen.

Zitternd und verwirrt ließ sie ihren Blick über ihre Umgebung schweifen. Sie lag inmitten einer Verkehrsinsel, umgeben von Schlamm, niedrigen, braunen Hecken und vielen lärmenden Autos. Matsch spritzte hoch, als schwere Reifen durch eine Pfütze bretterten und sie zuckte zusammen. Das Mädchen kannte den Ort, doch die Erinnerung blieb weit entfernt, pochte dumpf in einem hinteren Winkel ihres Kopfes und verflüchtigte sich schnell, sobald sie danach greifen wollte. Motorengeheul und stetiges Hupen vernebelten ihre Gedanken und sie hielt sich den Kopf. Sie hörte viel zu viel.

Wo bin ich?

Wie bin ich hierher gekommen?

Irgendwas stimmte nicht. Es hämmerte dumpf in ihrem Kopf, im Einklang mit ihrem rasenden Herzschlag und so brauchte sie eine Weile, bis der Schleier vor ihren Augen sich löste und sie einen klaren Gedanken fassen konnte.

Ich kriege keine Luft!

Sie atmete, doch sie spürte keine Luft. Tief sog sie ihren Atem in ihre Lungen, aber weder fühlte sie die Kälte der Ströme, noch das Aufblähen ihrer Lungenflügel. Panik überkam sie und sie kämpfte mühsam gegen die Tränen.

Als sie an sich heruntersah, bemerkte sie, dass sie vollkommen nackt war. Geschockt und beschämt zog sie hastig die Knie an und hoffte, dass sie keiner gesehen hatte. Gleichzeitig betete sie, dass die Schmerzen sie jetzt in Ruhe lassen würden. Sie schloss die Augen und legte ihre Stirn auf ihren Knie ab, versuchte sich daran zu erinnern, wie sie an diesen Ort geraten war und … wer sie war.

Sie hob den Kopf und starrte die Autos an, fragte sich, warum niemand reagierte.

Doch scheinbar bemerkte sie keiner.

Ihr verwirrter Blick wanderte umher, sie bemerkte den braunen Schnee am Straßenrand und den Wind, der über ihr durch die mickrigen Äste eines einzelnen Setzlings wehte. Doch auf ihren Armen bildete sich keine Gänsehaut, ihr war nicht kalt, auch nicht warm. Der Wind berührte sie nicht und auch die Feuchtigkeit des Bodens tat ihr nichts an.

Was ist das? Was …? Warum …?

Sie verstand es nicht.

Ein blaues Auto raste vorbei.

Das Bild eines blauen Volvos blitzte vor ihrem inneren Auge auf, die Strahler, die ihre Sicht blendeten.

Kinder. Zwei Kinder, deren weit aufgerissene Augen sie angstvoll anstarrten.

Die Schreie.

„LIA!“, hallte die piepsige Stimme in ihrem Kopf nach.

Lia? Lia … Cecilia. Mein Name. Cecilia.

Sie versuchte die Bilder zu ordnen, Klarheit zu schaffen. Was hatte sie getan, um die Kinder so zu verängstigen? Auch die Kleinen kamen ihr unglaublich bekannt vor. Das Auto. Es hatte gehupt. Der Fahrer hatte sie ähnlich angesehen wie die Beiden. Sie hörte das Lachen der Kinder in ihrem Kopf nachhallen. Otto …

Die Angst schnürte Cecilia die Kehle zu.

Aber was mache ich dann hier? Und …Wie komme ich hierher? 

Das Summen in ihrem Kopf tönte zu einem beständigen Brummen auf, das in unangenehmen Wellen durch ihren Kopf spülte. Sie legte beide Handflächen an die Schläfen und massierte sie.

Noch minutenlang hockte sie so da, horchte und forschte, es half nichts. Sie konnte sich einfach nicht erinnern. Die Abgase rochen streng, das Streusalz beißend. Hoffnung stieg in ihr auf. Vielleicht ist das alles gar nicht … passiert. Ein Traum.

Cecilia versuchte aufzustehen, doch ihre zitternden, schlanken Beine gaben unter ihr nach. Sie plumpste zurück auf den durchweichten, schlammigen Boden, spürte jedoch nichts von dem Aufprall oder der Nässe. Sie stöhnte auf, Tränen rannen ihr über die Wangen. Weinend versuchte sie es noch einmal.

Bitte … bitte … lass das nicht wahr sein. Lass es nicht wahr sein.

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