Leseprobe II

„Warum ist Anna doof?“, fragte Cecilia einfach frei heraus. Anna war ein sehr dürres, blondes Ding aus Tamaras Kindergarten-Gruppe.

„Weil sie nicht weiß, wie man ihren Namen schreibt“, antwortete Tamara prompt und schaute selbstgefällig. Dieser Stolz des kleinen Mädchens verwunderte Cecilia jedes Mal wieder.

„Aber du weißt wie man deinen Namen schreibt?“

„Ja klar!“

„Mhm. Aber weißt du auch, wie man ‚Anna‘ schreibt?“

Tamara stutze. Dann nickte sie. Cecilia war sich ziemlich sicher, dass sie log, aber das wusste sie schließlich nicht. Also fragte sie einfach weiter:

„Und warum zeigst du es ihr dann nicht einfach?“

Tamaras Blick hätte vermutlich nicht überraschter sein können. Cecilia merkte an ihrer Miene, wie sie fieberhaft eine Antwort suchte.

„Weil … weil Anna doof ist!“, schrie sie ihr fast entgegen und Cecilia zuckte zurück.

„Schrei mich bitte nicht an“, ermahnte sie die Kleine und Tamara guckte trotzig zurück. Cecilia atmete tief durch. Sie versuchte es noch einmal.

„Okay … Also. Du sagst, dass Anna doof ist, weil sie ihren Namen nicht schreiben kann. Dann wäre doch die logische Schlussfolgerung, dass Anna nicht mehr doof ist, wenn du ihr zeigst, wie das geht.“

Tamaras Blick verfinsterte sich.

„Nein“, widersprach sie einfach, „sie ist trotzdem doof.“

Cecilia hielt sich hartnäckig zurück das Kind zu packen und durchzuschütteln. Sie wusste auch nicht ob das gehen würde.

„Kennst du ihr Lieblingsessen?“, erkundigte Cecilia sich dann unvermittelt und überraschte Tamara damit. Die schüttelte den Kopf und ihr Blick wirkte schon fast lauernd.

„Ihre Lieblingsfarbe?“

„Nein.“

„Ihr Lieblingstier?“

„Nö.“

„Weißt du was sie gerne trägt? Was sie gerne macht, wenn sie nicht im Kindergarten ist? Ob sie Haustiere hat?“

„Nei-hein“, antwortete Tamara mit Nachdruck, der die Fragerei auf die Nerven zu gehen schien.

Cecilia sah sie scharf an. Das Mädchen erschrak, fasste sich aber schnell wieder und starrte aufgestachelt zurück.

„Du sagst also, dass du nichts von Anna weißt. Das heißt du kennst sie nicht. Woher willst du also wissen, dass sie doof ist? Vielleicht ist sie ja ein ganz angenehmer Mensch, wenn du sie ein bisschen näher kennenlernst?“, fragte Cecilia in einem zuckersüßen Ton und lächelte sie ehrlich an.

Tamara dachte nach.

Dann zuckte sie mit den Schultern und konzentrierte sich wieder auf ihre Barbie. Cecilia seufzte und sah aus dem Fenster.

Ich hasse Eltern, die sich Kinder nur aus Prinzip zulegen, dachte sie trotzig und beschloss, diesen Satz als Tagesfazit zu nehmen.

Cecilia war langweilig. Mit Tamaras Hilfe hatte sie versucht, ihren Namen im Telefonbuch auszumachen. Es war gescheitert. Tamara hatte auch auf ihre Bitte hin einige Zeitungen mit ihr durchgeblättert und mit ihr die Nachrichten im Fernsehen geschaut. Das Einzige, was das Mädchen sich nicht traute, war an den Computer ihres Vaters zu gehen und Cecilias Namen zu googeln. Cecilia machte das wütend, weil sie wusste, dass das vermutlich der einzige Weg war, genau herauszufinden, wer sie war und was mit ihr passiert war. Aber es half nichts, das Mädchen war stur. Cecilia überraschte das Maß an Angst, dass Tamara vor ihrem Vater zu haben schien. Immerhin war der die meiste Zeit gar nicht da. Doch sie ließ es bleiben. Vorerst.

Es klingelte.

„Spätzchen?“, trällerte Alicia – Tamaras Mutter – aus der Küche und Cecilia wunderte sich wie immer, was die Frau darin so lang tat. Kochen konnte sie jedenfalls nicht.

„Machst du bitte mal die Tür auf?“

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