Leseprobe III

„Mädchen, ich muss dir etwas sagen.“

Cecilia runzelte die Stirn. Sie spürte, dass er ausgeglichen war … doch sehr tief fühlte sie eine leichte Unruhe.

„Was ist los?“, sprach sie ihren Gedanken aus und sah in seine trüben Augen.

„Ich glaube, heute ist es so weit“, sagte er und Cecilia verstand, ohne nachfragen zu müssen.

Ein schwerer Kloß bildete sich in ihrem Magen und ließ sie um Tonnen schwerer erscheinen. Ihr Gefühl war im Gegensatz zu ihrem Gespür sehr lebendig. Und seit Wochen schwankte sie stets zwischen tiefer Trauer und liebevoller Freude.

Sie saßen noch Stunden auf der Treppe von Signora Agatha, die Sonne neigte sich ihrem Untergang zu  und die Leute wurden weniger. Cecilia dachte über die letzten Wochen nach. Sie überlegte jetzt zu gehen und sich nicht mehr umzudrehen. Doch sie verwarf den Gedanken gleich wieder. Euremis war alleine. Und er war sehr lange alleine gewesen. Sie konnte nicht zulassen, dass er heute alleine blieb.

Seine Müdigkeit griff auf sie über.

„Komm. Wir gehen in den Park“, schlug sie vor und stand auf. Euremis guckte auf und folgte dann sehr langsam und schwerfällig ihrer Bewegung. Cecilia schluckte als sie sein schweres Keuchen hörte. Seine Glieder zitterten und sie konnte seine Schmerzen nachvollziehen, unterstütze ihn so gut sie konnte. Zusammen schleppten sie sich in über den gepflasterten Platz, dessen kleiner Brunnen munter vor sich hin plätscherte. Der Himmel färbte sich allmählich rosa und orange. Im Park setzten sie sich auf die Bank unter eine Gruppe Linden, die Euremis sehr gern hatte. Cecilia setzte sich neben ihn und wünschte sich, sie könnte es ihm ein wenig bequemer machen. Es wurde dunkler. Die Straßenlaternen flackerten auf. Euremis Atem ging immer unregelmäßiger. Er begann zu rasseln. Cecilia tat das Geräusch in der Seele weh. Sie rief sich die letzte Zeit in Erinnerung. Wirklich nahe gekommen waren sie sich ja eigentlich gar nicht. Und trotzdem hatte Cecilia den alten Mann sehr lieb gewonnen. Sie spürte seine Dankbarkeit. Er war dankbar nicht alleine sein zu müssen. Das gab sie ihm gerne. Und war ihrerseits dankbar dafür, diese Erfahrung machen zu dürfen. Auch wenn es hart war.

„Ich danke dir, Mädchen.“

Seine Stimme war gebrochen, kaum noch ein heiseres Flüstern. Cecilia rückte näher ran und lächelte. Sie ließ die Gefühle, die tief in ihr brodelten, an die Oberfläche steigen und erzeugte eine warme Aura. Liebe und Freundschaft, Geborgenheit, Sanftmut und Sehnsucht.

Euremis seufzte.

Und damit war sein letzter Atemzug eine Bekundung an die Liebe.

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