Kurzgeschichte: Responsible

Mein Kopf war leer und ich seufzte. Mir fiel nichts ein. Über was schrieb man, wenn man schreiben wollte, aber einem nichts einfiel? Na, dass man Schreiben wollte und einem nichts einfiel. Aber das war momentan keine wirkliche Option, weil ich ein Thema hatte, über das ich schreiben sollte. Tierschutz. Wir sollten uns Gedanken um den Tierschutz machen.

Ich hatte mich bisher mit dem Thema noch gar nicht befasst. Und es war egal, wie viel Internet-Recherche ich betrieb, es blieb dabei, dass mir nichts einfallen wollte, außer diesem üblichen Kitsch.

Ein Auto rauschte vorbei. Ich schreckte aus meiner Trance auf.

Ich saß auf dem Bordstein, an einer Tankstelle, neben der Waschanlage. Irgendwann hatte es sich mal so eingependelt, ich wusste nicht einmal selber, warum ich mich da so gern hinsetzte. Es war laut. Aber es roch immer frisch. Ich schaute den Autos dabei zu, wie sie in die Waschanlage fuhren und sauber wieder herauskamen, nur um zu den Staubsaugern weiterzufahren.

Vor mir hielt gerade ein weißer Hyundai.

Ich bemerkte den Aufkleber auf der Tür, der karikatierte Tiere zeigte. Ein Hund, eine Katze und einen Vogel. Aus dem Auto stieg ein älterer Mann, mit vollem, grauem Haar, Bart und Brille. Sein Bauch füllte den dunkelroten Pullunder gut aus, darunter hatte er ein beiges Hemd an.

Er drehte sich zu mir um und schien im ersten Moment überrascht, mich anzutreffen. Klar. Wer saß schon auf einem Bordstein neben der Tankstellen-Waschanlage.

„Sind Sie Tierarzt?“, platzte es aus mir heraus, bevor ich mich zurückhalten konnte. Scheinbar klammerte sich mein verzweifeltes Unterbewusstsein an den letzten Strohhalm, der sich gerade zeigte. Vielleicht konnte er mir helfen.

Der Mann lächelte leicht.

„Ja, in der Tat. Warum, kann ich dir helfen?“, fragte er mit freundlicher Stimme, während er um das Auto herum kam und sich dann vor mir an die Beifahrertür lehnte. Seine Hände waren lässig in die Hosentaschen gesteckt.

„Naja, äh … ähm … ich … äh … warum sind Sie Tierarzt?“

Mir fiel echt nichts Besseres ein.

Der Mann hob eine Augenbraue.

„Weil ich Tiere liebe und ihnen helfen will. Warum fragst du das?“

„Naja … wir sollen einen Aufsatz schreiben, in dem wir uns mit Tierschutz auseinander setzen … aber ich hab mich bisher mit dem Thema gar nicht beschäftigt.“

Der Mann sah mich an. Lange. Mir wurde das unangenehm, ich rutschte auf dem Bordstein herum. Verurteilte er mich?

Er schlug ein Bein über das andere und räusperte sich.

„Das ist eigentlich auch kein allzu leichtes Thema. Mir würde vermutlich auch erst wenig dazu einfallen. Warum hast du dich denn bisher noch nicht mit Tierschutz beschäftigt?“

„Weil es mich eigentlich nicht interessiert“, gab ich kleinlaut zu und guckte auf den Boden.

„Aber du schämst dich dafür“, stellte der Tierarzt fest. Sein Ton war ziemlich locker.

„Fangen wir mal anders an. Warum glaubst du, hast du diese Aufgabe bekommen? Warum sollst du dich mit dem Tierschutz beschäftigen?“

Ich dachte nach.

„Weil … er wichtig ist.“

„Das ist zu pauschal. Warum müssen wir Tiere beschützen?“

Ähh … Warum müssen wir Tiere beschützen? Puh … Als ich eine ganze Zeit lang keine Antwort gab, stellte der Arzt seine Taktik um.

„Warum ist das denn ein Thema? Wovor müssen wir Tiere beschützen?“

Vor meinem inneren Auge tauchten auf einmal die ganzen Artikel auf, die ich im Internet gelesen hatte. Über Robbenjagd. Käfig- und Massenhaltung, unsachgemäße Schlachtung. Über den Terror in Rumänien, als sie monatelang auf Straßenköter-Jagd gegangen waren oder die Bucht, in der sie Delfine töteten.

„Vor … uns“, wurde mir auf einmal klar und ich sah auf. In den Augen des Mannes blitzte so was wie Anerkennung.

„Gut. Tierschutz ist also wichtig, weil Tiere von uns bedroht werden. Es ist wichtig, damit Arten nicht weiter aussterben und das Leiden der Tiere ein Ende findet. Warum müssen wir Tiere beschützen? Was macht sie so wichtig?“

Die Frage schien mir irgendwie vollkommen absurd, aber ich konnte sie trotzdem nicht gleich beantworten.

„Na, weil sie … weil sie Lebewesen sind. Kein Lebewesen sollte mies behandelt werden.“

„Richtig! Aber mal eine andere Frage. Würdest du den Menschen den Tieren als überlegen betrachten?“

„Ja.“

„Und wie stehst du zu diesem ganzen Flüchtlingsdrama?“

Hä?

Ich schnaubte.

„Die sollen in ihrem eigenen Land bleiben.“

In meinem Kopf machte sich das Bild meines Vaters breit, der sich beim Abendessen über dieses Thema immer furchtbar in Rage redete.

Der Mann sah mich wieder sehr lange an. Dann legte er den Kopf schief und stellte mir eine Frage, die mich völlig aus dem Konzept warf.

„Warum?“

Mir wurde die ganze Fragerei langsam unangenehm. Was zum Teufel hatte das mit Tierschutz zu tun?

„Weil … unser Land die … halt nix angeht. Ich mein, warum bleiben die nicht da wo sie hingehören und lösen ihre Probleme, anstatt davor wegzulaufen? So hat mein Vater es mir zumindest immer beigebracht.“

Auf diese Antwort war ich jetzt sogar stolz.

„So so“, antwortete mein Gesprächspartner, „Du willst mir also sagen, wenn in deinem Land der Krieg ausbricht, deine Nachbarn, Eltern oder Freunde jeden Moment verletzt, vergewaltigt oder sogar ermordet werden könnten … dann würdest du bleiben und kämpfen. Richtig?“

„Naja … ich meinte ja nur … wir … die haben doch so viel!“, warf ich jetzt ein, weil ich letztens so einen Trupp an der Autobahn gesehen hatte, „Designertaschen, Smartphones und so weiter. Denen kann es gar nicht so schlecht gehen, die wollen nur abstauben.“

Irgendwie brachte ich den Mann zum Schmunzeln, was mich in sauer machte. Ich war doch kein Kind mehr!

„Nehmen wir mal an, du kämpfst nicht. Weil du Familie und kleine Kinder hast. Vor dem Krieg hattest du eigentlich ein angenehmes Leben, warst nicht arm, nicht reich, konntest dir ab und zu mal was Teures leisten … so wie jetzt eben. Dann musst du fliehen, in ein Land, in dem du niemanden verstehst. Du lässt dein gesamtes Umfeld zurück. Was nimmst du mit?“

Ich überlegte. Was würde ich mitnehmen?

„Mein Handy“, sagte ich, „und meinen Rucksack.“

„Ah. Und was hast du für ein Handy?“

„Ein Samsung S5.“

„Teuer?“

„Schon.“

„Und dein Rucksack? Von welcher Marke ist der?“

Ich kapierte, worauf er hinaus wollte. Und auf einmal wurden meine Wangen ganz rot und heiß. Ich guckte auf Jacks gelbe Tatze auf meinem Rucksack und schämte mich kurzzeitig.

„Was … was hat das denn mit Tierschutz zu tun?“, warf ich ein, weil ich das umgehen wollte. Der Tierarzt lachte auf einmal.

„Eine ganze Menge. Was denkst du, warum wir diesen flüchtigen Menschen helfen sollten?“

Ich dachte über die richtige Antwort nach, erwog jedes meiner Worte.

„Weil … sie nichts haben. Weil sie uns nicht verstehen.“

„Du sollst mir nicht nach dem Mund reden. Denk nach und gib mir deine eigene Antwort.“

Ich grübelte. Bisher hatte ich fast immer nur Meinungen und Parolen gegen Flüchtlinge gehört. Aber warum sollten wir ihnen helfen …?

„Weil …“, fing ich an, denn mir fiel gerade meine Tante in Australien ein, „wir auch Hilfe bräuchten, wenn wir in ein fremdes Land kämen und alles verloren hätten.“

Sein Schmunzeln machte mich jetzt nicht mehr wütend, es ermutigte mich eher.

„So, jetzt sag mir, was du über die Länder weißt, aus denen sie herkommen. Warum müssen sie flüchten?“

Boah, keine Ahnung!

„Wegen … des Krieges?“

„Meistens. Manchmal fliehen sie aus Armut, Hunger oder weil sie wegen ihrer Meinung oder Religion verfolgt werden. Aber du hast Recht – momentan kommen jede Menge Kriegsflüchtlinge zu uns. Was denkst du, können die Leute etwas für den Krieg?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Wer führt ihn denn dann?“

Die Antwort fiel mir sogar relativ leicht.

„Die Staatsoberhäupter.“

Der Arzt nickte.

„So. Jetzt wo wir einen so herrlichen Vergleich angestellt haben, versuch das doch mal auf Tiere zu übertragen.“

Auf Tiere übertragen? Ich musste ziemlich hilflos gucken, denn seine Gesichtszüge wurden weich. Mensch, kam ich mir dumm vor.

„Was hast du bei deinen Recherchen denn bisher festgestellt?“, gab er mir Starthilfe.

„Dass … dass ziemlich viele Tiere … sehr mies behandelt werden“, fasste ich zusammen. Die Sonne kam auf einmal heraus und wärmte mir den Rücken.

„Gut. Also da wären wir wieder in der Ausgangssituation“, meinte der Mann.

„Auf der einen Seite sind da die Tiere, und auf der anderen Seite wir.“

Er sah mir tief in die Augen.

„Was denkst du, können die Tiere was für ihr Leid?“

Ich schüttelte den Kopf und ein Knoten bildete sich in meinem Magen. Irgendwie wurde ich auf einmal von einem recht klammen Gefühl heimgesucht, als mir die ganzen grausigen Bilder wieder in den Sinn kamen. Auf beinahe allen davon war mindestens eine menschliche Hand zu sehen.

„Nein, das … ist unsere Schuld. Genau wie bei den Staatsoberhäuptern und den Flüchtlingen“, stellte ich die Verbindung her. Der Tierarzt nickte.

„Gut. Du sagtest, du betrachtest den Menschen den Tieren überlegen. Du hast Recht. Aber warum?“

„Weil wir mehr Prozent unseres Gehirnpotenzials benutzen“, zitierte ich wie aus dem Pistole geschossen und der Mann lachte.

„Du hast einen guten Bio-Lehrer. Okay. Also sind wir klüger, ja?“

„Also … wenn ich mir die ganzen Bilder so ansehe … wie wir unsere Umwelt behandeln … empfinde ich die Tiere fast als klüger.“

Das bringt mir ein seliges Lächeln ein.

„Irgendwo hast du da auch Recht. Aber unser Gehirn ist zu deutlich mehr in der Lage, als das Gehirn eines Hundes, oder eine Katze. Doch was heißt das für uns?“

„Dass wir … das besser nutzen sollten?“, fragte ich ein bisschen verwirrt. Worauf wollte er denn raus? Sein scharfer Blick durchdrang mich. Irgendwie blitzte es in seinen Augen.

„Warum müssen wir Tiere beschützen?“, wollte er zum dritten Mal wissen.

Wie im Zeitraffer gingen alle Artikel, Bilder und Unterrichtsstunden blitzschnell durch meinen Kopf, und vor meinem geistigen Auge war ich plötzlich wieder acht und stand vor meiner Mutter. Sie erklärte mir, warum wir uns keinen Hund anschaffen konnten. Ihr Vortrag dauerte ewig lang. Aber ein Satz daraus hallte jetzt durch meinen ganzen Schädel.

Ein Tier bedeutet …

„Verantwortung“, hauchte ich.

Und da ging der Tierarzt, nachdem er mir auf die Schulter geklopft hatte, wieder zurück zu seinem Auto.

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