Strange Memories I

1. Kapitel

„Hey du“, begrüßte ihre beste Freundin sie. Wie üblich mit einem Knuff in den Oberarm und wie üblich auf dem Weg zur Arbeit, nachdem Arina aus der Tube gestiegen war.

Arina sah Bethany lächelnd an. Die Afroamerikanerin mit den ungewöhnlich blauen Augen grinste zurück. Ihre winzigen schwarzen Löckchen ließen sich mal wieder nicht bändigen, auch wenn Arina immer fand, dass Beths Haare nicht einmal halb so stark gekräuselt waren wie die ihrer Mutter. Arina dachte an ihr eigenes sandfarbenes Haar, dass ihr nach mühsamer Arbeit endlich bis zur Hüfte reichte. Ihre Augen waren braun. Kein Karamell und Goldton, keine Sprenkel, nicht einmal ein Farbverlauf oder irgendwas anderes Aufregendes. Sie waren einfach nur hellbraun. Beth hatte dichte schwarze Wimpern, die ihren Augen eine unglaubliche Tiefe verliehen. Arinas Wimpern waren kurz und … einfach nur braun. Während Beth das strahlendste Lächeln und die schönsten Wangenknochen besaß, die Arina je gesehen hatte … war Arinas Gesicht einfach nur oval und ihr Lächeln selten. Sie empfand sich nicht als hässlich, aber sie hatte auch nichts wirklich Besonderes an sich. Nichts wonach man sich im Alltag staunend umsah. Mittlerweile hatte sie sich damit aber abgefunden.

„Was ist los?“, fragte Beth sie unvermittelt und Arina wurde aus ihren Gedanken gerissen. Sie zuckte nur mit den Schultern.

„Was soll schon los sein? Ich bin müde.“

Dass sie heute morgen mit einem getrockneten Blutfleck auf dem Teppich, halb in der Dusche aufgewacht war, verschwieg sie besser. Noch dazu weil sie sich nicht im Geringsten erklären konnte, wie sie nachts dorthin gekommen war.

„Also ich hatte eine tolle Nacht“, erwiderte Beth fröhlich und ummantelte dabei das Wort ‚tolle‘ mit einem außerordentlichen Unterton, sodass Arina nur einen einzigen Schluss daraus ziehen konnte.

„Der Typ von gestern war also gut im Bett“, murmelte sie und versuchte krampfhaft nicht an ihr letztes Date zu denken. Sie seufzte. Zu spät.

Katie – ihre Kollegin – hatte dieses Rendezvous organisiert und Arina hatte bereits nach fünf Minuten einen nicht zu unterdrückenden Fluchtdrang verspürt. Neben der riesigen Nickelbrille und der leuchtenden Akne – die einen sogar davor zurück schrecken ließ diesem widerlichen Kerl eine zu knallen, weil man sonst womöglich seinen gesamten Talghaushalt in der Hand hätte – war der Typ („Si-i-i-i-mon. Mit Betonung auf dem i bitte“) auch noch unglaublich dreist gewesen.

Beth schnippte vor ihrem Gesicht rum und Arina entfuhr ein „Huh“.

Ihre Freundin sah sie verwirrt an und Arina blieb stehen. Das übliche Londoner Stadtwetter trug momentan nicht gerade zu ihrer Laune bei – der Himmel glich einer nur schleichend heller werdenden, trüben Betondecke, die Straßen einem ziemlich schlecht zusammengesetzten Mosaik aus Pfützen.

„Meine Güte, Süße, was ist denn los mit dir heue? Wo warst du gerade?“

Arina seufzte.

„Bei Si-i-i-i-mon“, antwortete sie, während sie die lächerliche Betonung mit ihren Händen untermalte. Beth lachte. Wenn Beth lachte hörte sich das meist an wie eine Mischung aus einer gebärenden Eselstute und einer Barfrau, die schon 20 Jahre lang im Geschäft war. Arina musste grinsen. Irgendeinen Makel durfte wohl jeder haben.

„Ach ja …“, meinte Beth und es klang geradezu verträumt, „der gute, alte, pickelige Simon … das war doch der, der sich den Hauptgang sparen wollte, oder?“

Arina nickte, nachdem sie den Weg zur Arbeit wieder angetreten war. Beth hetzte ihr hinterher.

„Oh, kannst du das bitte, bitte noch einmal nachmachen?“

Beth sah sie mit bettelnden Kulleraugen an und Arina machte nur abwendend: „Oh nein …“

„Bitte bitte bitte!“

„Hmpf …“

„BITTE!“

„Also Schätzchen, wollen wir uns nicht den Hauptgang sparen und gleich zum Dessert übergehen?“, näselte Arina in einer unglaublich krätzigen, hohen Stimmlage, die jedem Dolly Parton Double ernsthafte Konkurrenz gemacht hätte.

Neben ihrem Ohr brachte eine unmittelbare Mini-Explosion, die Arinas Trommelfell eher als Mischung aus aufgeregtem Seehund und röhrendem Hirsch wahrnahm, die umstehenden Passanten dazu, ihnen ungehaltene Blicke zuzuwerfen. Beth lachte aus vollem Halse.

Arinas Mundwinkel zuckten. Sie fügte hinzu:

„Und dann diese unglaublich buschigen, ungepflegten Augenbrauen, die auffordernd nach oben ‚gebingt‘ sind.“

„Gebingt?“, prustete Beth und Arina musste sie am Arm um die Ecke führe, weil sie sonst einfach gerade aus gelaufen wäre.

„Ja … du kennst das doch, wenn die Augenbrauen einfach so … nach oben … bingen. In jedem Film machen die das fast schon. Die Augenbrauen zucken nach oben zur Untermalung einer anzüglichen Frage und dann kommt im Hintergrund so ein ‚Bing‘ …“

Beth lachte noch lauter und die Blicke wurden langsam empört. Arina sah auf den Boden, konnte sich das Lächeln jedoch auch nicht mehr verkneifen. Ihre Freundin schaffte es jeden Morgen ihre düsteren Gedanken zu vertreiben. Und dabei hatte sie vor einiger Zeit noch selber so ausgelassen gelacht … aus den Augenwinkeln beobachtete sie Bethany heimlich. Sie strahlte wie die aufgehende Morgensonne. Brachte Licht in jeden noch so trüben, grauen Tag.

Das war so beneidenswert.

–> Strange Memories II

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