Strange Memories II

„Was hast du dann eigentlich geantwortet?“, fragte Beth neugierig und Arina richtete den Kopf wieder auf.

„Dass ich mir auch gerne das ganze Essen spare. Und dann bin ich gegangen.“

„Coole Antwort, Süße.“

„Einzige Antwort.“

„Jop.“

„Wie hieß der Kerl von gestern eigentlich?“, fragte Arina nach, damit Beth eigentliche Absichten nicht gänzlich untergingen.

Beth sah sie verwirrt an. Fast schon geschockt.

„Ähm …“

Arina seufzte theatralisch.

„Mark … glaube ich.“

Sie ging nicht darauf ein.

„Aha. Und Mark …“

„War eine echte Granate!“

„Na das ist doch super“, freute sich Arina gekünstelt. Wann hatte sie das letzte Mal guten Sex gehabt? Das musste schon …

„Ich kann ihn dir ja mal ausleihen“, frohlockte Beth und Arina musste fast prusten.

„Kein Interesse, danke.“

Sie waren da.

Arina öffnete die Tür zu der Bäckerei in der Sloane Street, einer unglaublich geschäftigen Straße inmitten von Knightsbridge. Bevor Arina den Laden betreten konnte hielt Beth sie zurück.

„Hey guck mal! Da, der Himmel!“

Sie sah in die angewiesene Richtung. Und plötzlich lief ihr ein Schauer den Rücken hinab.

Der Sonnenaufgang bemalte den Himmel nicht mit den üblichen orange-goldenen Farben sondern überzog das östliche Ende mit einer satten Schicht aus Türkis und Lila, gemischt mit absolut unnatürlich wirkenden, roten Streifen.

„Abgefahren“, meinte Beth, „heute ist ja niemand so drauf wie sonst. Nicht mal die Sonne.“

Ihr Ton war heiter und unbeschwert, doch Arina starrte auf diese Farbexplosion, als wäre sie eine Offenbarung. Irgendwas an diesem Muster kam ihr bekannt vor, ihre Intuition verriet ihr, dass das nichts Gutes bedeutete.

„Arina … komm schon, wir halten auf.“

Sie schüttelte sich ab. Unter bimmelnden Glocken betrat sie ihren Arbeitsplatz und ließ die immer voller werdende Straße hinter sich.

Mr. Jenkins, der stets verstaubte, dickliche Betreiber der Bäckerei kam aus der hinteren Kammer nach vorne gewuselt und fuchtelte aufgeregt mit den Händen umher.

„Arina! Wieso bist du so spät?“

Sie blickte auf die Uhr. Sie war zehn Minuten zu früh, anstatt ihrer üblichen fünfzehn. Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte sie auf ihren Chef, der sich seine Hände gerade an der Schürze abwischte.

„Naja, egal jetzt. Wir haben einen dringenden Großauftrag erhalten, der bis Mittag ausgeliefert gehört, Nancie und ich haben alle Hände voll zu tun und ich muss Katie noch mit nach hinten holen. Du schmeißt den Laden heute alleine.“

Arina nickte, für sie war das nichts Neues. Es war sogar befreiend, nicht die ganze Zeit auf Katies Geplapper hören zu müssen. Sie folgte Mr. Jenkins erst einmal nach hinten und bog ab in den Personalraum, wo sie ihr Zeug verstaute, sich die Haare nach hinten und die Schürze umband. Gleich daraufhin schenkte sie einen Kaffee mit viel Milch und Vanillesirup in einen Pappbecher und reichte ihn Beth über die Theke.

„Machs gut, Süße. Bis morgen!“

„Schönen Tag!“, rief Arina ihrer Freundin hinterher.

Beth arbeitete bei einer großen Zeitschrift als Klatsch-Kolumnistin. Ein Job, der ihr ausgezeichnet stand, wie Arina fand. Sie selber arbeitete inzwischen schon seit fast fünf Jahren bei Mr. Jenkins in der Bäckerei. Noch so ein Punkt auf ihrer Lebensliste, die sie vor einigen Jahren in ihrem Kopf einfach zerrissen hatte. Sie hatte keine aufregende Arbeit. War keine lebensrettende Chirurgin geworden, keine attraktive Wissenschaftlerin wie diese Jane Foster oder etwa die sexy Journalistin, die den Superhelden abgriff. Und dahinter steckte nicht einmal eine tragische Geschichte – nur unsägliche Dummheit. Sie hatte die Schule abgebrochen für einen Kerl. Der gut aussehende, kluge Adam, der ihr die Welt versprochen hatte … und sie am Ende für ein Karriere-fördernderes Model verlassen hatte. Arinas Vater war kurz daraufhin gestorben und so blieb ihr keine Zeit mehr, irgendwas nachzuholen und vielleicht doch noch zu studieren – sie musste ihrer Mutter helfen. So lange bis auch sie gestorben war. Die beiden hatten ihr nichts weiter hinterlassen außer dem Appartement und ein paar verstaubter Bilder unbekannter Familienmitglieder. Für die Wohnung war sie dankbar, doch wann immer sie die Bilder durchsah empfand sie nichts dabei. So wie schon ihre gesamte Kindheit lang. Nachdem sie ihre Mutter wie ihren Vater verbrannt hatte – so wie die beiden es sich immer gewünscht hatten – war sie traurig gewesen und die Stille in der Wohnung wurde geradezu unerträglich. Doch irgendwann hatte sie erkennen müssen, dass das Einzige was sie betrauerte, die Gewohnheit war. Zu ihren Eltern hatte sie ein nie wirklich inniges Verhältnis gehabt. Das mag zum einen daran gelegen haben, dass sie adoptiert war … zum anderen an der fehlenden Herzlichkeit von Juliet Brown. Das Zerwürfnis nach ihrem dummen Fehler mit Adam hatte der ganzen Mutter-Tochter-Beziehung dann dem Rest gegeben. Trotzdem hatte Arina sich bis zum letzten Moment abgemüht, ihrer Mutter irgendwas zurück zu geben für die Zeit, in der sie sie aufgezogen und behütet hatte.

Dieses Pflichtgefühl war am Ende aber auch alles gewesen was sie zusammen hielt. Nachdem der Krebs Juliet besiegt hatte war Arina alleine. Und seltsamerweise waren mit Juliet auch Arinas Träume gestorben. Die Realität hatte sie eingeholt.

Sie besaß kein Penthouse, bewegte nichts Bedeutsames in der Welt, war nicht atemberaubend schön, hatte kein Supermodel zum Freund. Sie war eine vollkommen gewöhnliche Bäckereifachverkäuferin.

Aber der Job in der Bäckerei war aufgrund der sehr guten Lage außerordentlich gut bezahlt, sie war fleißig und wusste wo sie hinfassen musste. Mr. Jenkins und seine Tochter Nancy behandelten sie, als würde sie zur Familie gehören – und seit sie die quirlige Katie eingestellt hatten, die immerzu plapperte, wurde ihr hinter der Theke ganz bestimmt nicht mehr langweilig.

Während sie in Gedanken versunken die Kuchen, Brötchen und sonstigen Leckereien in der Auslage präsentierte, bemerkte sie gar nicht, wie der erste Besucher des Tages durch die Tür schlich. Als Arina hochsah und in geradezu erschreckend kalte, blaue Augen blickte, fuhr sie japsend hoch und blieb mit der Erdbeerkuchenglasur an der Scheibe kleben. Missmutig blickte sie auf den gelierten Zucker, dann setzte sie ein Lächeln auf und richtete ihre Augen wieder auf den Herrn im schwarzen Trenchcoat.

„Entschuldigen Sie, Sir. Ich habe Sie scheinbar nicht gehört. Kann ich Ihnen helfen?“

Ein spöttisches Lächeln schlich sich auf die schmalen Lippen.

„Ich weiß es nicht. Können Sie das?“

Er hatte die schwarzen, langen Haare zurück gegelt, seine Haut war geradezu unnatürlich blass. Unter dem Trenchcoat trug er einen klassischen Anzug, sein Lächeln bereitete ihr Unbehagen. Das und der Umstand, dass sie das Gefühl hatte ihn irgendwoher zu kennen.

Sie lachte gezwungen, um ihre Nervosität zu überspielen.

–> Strange Memories III

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