Strange Memories III

„Nun … wenn Sie etwas essen wollen, dann bin ich Ihre Frau“, gab sie zurück, weitaus selbstsicherer klingend als sie es eigentlich war. Trotz des schiefen Lächelns blieb der Gesichtsausdruck des Mannes neutral, was Arina vorsichtig werden ließ. Für einige Sekunden herrschte gespenstige Stille in dem Laden mit den braun-weißen Fließen, dann erlöste er sie, indem er zwei Brezen bestellte. Froh um den Auftrag flüchtete Arina geradezu nach hinten um die frisch aufgebackenen Brezen aus dem Ofen zu holen. Sie packte sie in eine Papiertüte, reichte sie dem Mann und gab den Preis weiter. Sein Blick lastete auf ihr und Arina hielt unbewusst den Atem an, das automatische Lächeln wie angeklebt auf den Lippen.

Du hast schlecht geträumt, Arina.

Jedes Wort durchdrang sie wie eine unangenehme Hitzewelle und sie starrte ihn an wie eine Kreatur aus einer anderen Welt. Sein Lächeln zeigte jetzt ordentliche, weiße Zahnreihen. Sympathischer machte ihn das nicht. Und die Tatsache, dass sie seine Worte gerade nur in ihrem Kopf gehört hatte auch nicht. Sie schüttelte den Kopf und ließ den Luftstrom wieder in ihre Lungen strömen.

Als sie wieder aufsah, ging ihr Kunde gerade durch die Tür. Sie glotzte ihm hinterher wie eine Dreijährige, die zum ersten Mal so etwas Monumentales wie ein T-Rex-Skelett sah.

„Worauf wartest du denn noch, du dummes Huhn!“, schnaufte Mr. Jenkins mit hochrotem Kopf und sie sah sich verwirrt um, fragte sich, wie lange er schon da stand.

„W…was?“

„Er hat nicht bezahlt! Lauf schon hinterher!“

„Oh … OH! Ach verdammt …“

Sie nahm die Beine in die Hand, stürmte zur Tür hinaus und lief die Sloane Street entlang. Es dauerte zum Glück nicht lange bis sie den Mann eingeholt hatte, und noch bevor sie irgendwie auf sich aufmerksam machen konnte, drehte er sich zu ihr um. Arina stockte.

Mit raschem Schritt ging er auf sie zu. Sie geriet in Panik, konnte sich aber nicht bewegen. Die prickelnde Angst lähmte sie nicht … sie wollte sich bewegen, aber sie konnte nicht. Ihre Gliedmaßen gehorchten ihr nicht mehr. Als er so dicht vor ihr stand, dass man sie ohne Weiteres für ein Liebespaar hätte halten können, hob er die Hand. Ihr Atem ging schneller, sie wand sich, alles in ihr sträubte sich dagegen, von ihm berührt zu werden, doch er hielt sie fest. Irgendwoher wusste sie, dass er es war. Und ganz plötzlich fiel ihr auch wieder ein woher sie ihn kannte – aus dem Fernsehen.

Loki legte ihr die Kuppen von Zeige- und Mittelfinger auf die Stirn und die Welt um sie herum wurde schlagartig langsamer.

„Weißt du, wer du bist?“, fragte er mit ruhiger Stimme, als würde er sie gerade einfach nach dem Wetter fragen. Sie runzelte die Augenbrauen, antwortete aber nicht auf diese seltsame Frage.

Er legte den Daumen auf ihre Nasenspitze und sie musste nach Luft schnappen, denn um sie herum … löste sich die Welt einfach auf.

Ein goldener Saal mit gewaltigen Säulen manifestierte sich aus dem Nebelschleier, doch er verschwand kurz darauf wieder. Vor ihrem inneren Auge sah Arina zahlreiche Bilder aufblitzen und wieder verschwinden … ein küssendes Pärchen vor der Tower Bridge. Ein Kind. Eine anrückende Armee … einen prächtigen Palast. Farbige Blitze und Schreie. Eine schluchzende Frau, eine bunte Brücke, die aussah als wäre sie aus Glas gefertigt. Loki, in seinen Armen ein Bündel. Einen Mann mit einem riesigen goldenen Helm … die Erde. Ihre Mutter. Ihr eigenes Spiegelbild mitten in der Nacht, dass sie mit weißen Haaren und goldenen Augen zeigte.

Auf einmal stand sie inmitten verschneiter Berge. Vor sich eine Art … Kloster?

Und dann war sie wieder in London und stand wie ein Trottel mit weißem Schürzchen blöd in der Gegend rum. Loki war verschwunden. Die Leute um sie herum warfen ihr merkwürdige Blicke zu. Als sie zum Himmel sah hatte der einfach wieder seine übliche, mattgraue Farbe.

Verräter … dachte sie sich nur und wandte sich wieder zum Gehen. Auf dem Weg zurück bemerkte sie die zwei Dollar in ihren Händen. Und … ein Flugticket. Überrascht blieb sie stehen und brachte damit den Mann hinter sich zu einem Schwall aufgebrachter Flüche, als er fast gegen sie prallte. Es war ihr egal. Sie studierte das Ticket.

–> Strange Memories IV

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