Strange Memories IV

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London; Heathrow – Qamdo-Bamda; Bangda.

Wo zum Teufel liegt Qamdo-Bamba? Und was soll ich da?

Arina war kurz davor entnervt und empört zu schnauben. Was sollte das Ganze jetzt plötzlich?Wollte sie irgendjemand in dieses ganze Avengers-Zeug hineinziehen, dass seit Jahren immer mal wieder in den Nachrichten kam? Warum? Weil ich so unglaubliche Brot-Verkäufer-Kräfte habe? Ja klar.

Obwohl sie seit längerem in einer Welt lebte, in der fleischgewordene Superhelden scheinbar langsam alltäglich wurden, hatte sie sich nie wirklich dafür interessiert. Im Gegenteil, sie hatte konsequent sämtliche Nachrichten über Captain America, Thor und all die anderen ignoriert, weil ihr bei dem Gedanken keiner dieser besonderen Menschen zu sein einfach das Kotzen kam. Und trotzdem wusste sogar sie, dass Loki in seiner Welt hinter einer Zellenwand schmorte. Also was soll der Blödsinn? Auf solche Tricks kann ich wirklich super verzichten.

Kurzerhand schmiss die das zusammengeknüllte Ticket in den nächsten Mülleimer – und kehrte kurz darauf wieder um, um die zwei Doller wieder aus der Tonne zu fischen. Das musste schon ein großartiges Bild abgeben. Arina war sich vollkommen mit sich einig, dass das der schlimmste Start in den Tag gewesen war, den sie je erlebt hatte. Und sie dachte schon die Aktion mit der Babykotze in ihrem Nacken und der roten Grütze in ihrem Schritt wäre die Krönung gewesen.

Wie sehr man sich täuschen konnte.

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2. Kapitel

… Der Flughafen Qamdo-Bamda ist ein chinesischer Verkehrsflughafen. Er befindet sich 66,1 Kilometer südlich der Großgemeinde Chengguan in der Großgemeinde Bangda, im Zentrum der Stadt Qamdo im Osten des Autonomen Gebiets Tibet.

Google war der perfekte Männerersatz. Er hörte zu, war sehr intelligent, wusste auf jede Frage die richtige Antwort, war immer da wenn man ihn brauchte und was noch viel wichtiger war: Nicht da, wenn man ihn nicht brauchte.

Arina saß mit angezogenen Beinen und einer dampfenden Tasse Tee auf ihrer kleinen, roten Couch  im Wohnzimmer, den Laptop auf ihren Oberschenkeln. Sie nahm einen Schluck der heißen, goldenen Flüssigkeit, deren zartes Honigaroma ihre Nase umschmeichelte und fühlte sich gleich viel wohler. Mit dem Kopf auf der Sofalehne sah sie aus dem Fenster neben ihr. In den einbrechenden Lichtstrahlen sah sie die Staubwirbel tanzen – es wurde höchste Zeit für einen Frühjahrsputz. Doch die Faulheit zog sie hinunter und ließ Arina sich lieber auf der Couch in die Decke mummeln, als den Besen zu schwingen.

„Soll es erstmal richtig Frühling werden“, murmelte sie, „dann mache ich auch richtigen Frühjahrsputz.“

Zufrieden mit dieser Antwort lehnte sie sich wieder nach vorne und stellte den Laptop auf den Glastisch ab. Mit einem stummen Seufzer sah sie sich in ihrer Wohnung um. Auf dem hellen Laminatboden lagen bunte Mosaikteppiche aus, die Wände waren gesäumt von deckenhohen, vollgestopften Bücherregalen aus schwarz lackiertem Holz – die meisten Bücher und Zeitschriften gehörten ihrem Vater, doch Arina hatte bisher keine Motivation gefunden auszumisten.

Von der Decke hing ein altmodisch geschwungener Kronleuchter, ein Unikat aus dem 18. Jahrhundert, den ihre Mutter unbedingt in der Wohnung haben wollte, der aber kein bisschen zu dem Rest der sonst eigentlich modern eingerichteten Wohnung passte.

Ein offener Torbogen führte rechts in die Küche, die Tür links zu ihrem Schlafzimmer, worüber sie auch das Bad erreichte. Für gewöhnlich hielt Arina sich mehr in ihrem Bett als auf der Couch auf, doch in letzter Zeit fühlte sie sich in dem Raum kaum noch wohl. Obwohl es der einzige Raum war, den sie seit dem Tod ihrer Mutter aktiv umgestaltet hatte.

Sie verfiel ins Grübeln, während ihr Blick über die zahlreichen verstaubten Bilder, Vasen und Skulpturen glitt, die überall herumstanden und hingen um die Leere zu füllen. In diesem grauen, trüben Licht sah alles so lieblos aus … Arina fühlte sich wie eine Fremde in der Wohnung, in der sie seit knapp sieben Jahren lebte. Es war nicht ihr Zuhause. Nicht ihr Nest.

Tibet.

Was soll ich in Tibet?

Sie hatte keine Ahnung, wie oft sie diese Frage in ihrem Kopf jetzt schon wiederholt hatte. Was sollte sie in einem völlig fremden Land? Sie war Engländerin. Sie war noch nie außerhalb Londons Straßen unterwegs gewesen und mehr brauchte sie auch nicht. Dennoch … seit dieser merkwürdigen Begegnung drehten sich ihre Gedanken nur noch darum. Sie starrte auf die Bücherregale und gleichzeitig in die Leere, als sie sich die Bilder, die Loki ihr gezeigt hatte wieder in den Kopf rief. Die Frau … die Regenbogenbrücke, die Halle. Arina hatte die Halle schon einmal gesehen, nur war sie in ihrem Traum immer voller goldener Uhren gewesen.

Plötzlich blitzte ein weiteres Bild vor ihrem inneren Auge auf – ein Baum, in dessen Geäst mehrere … Planeten hingen? Okay, jetzt wirst du albern.

Arina schüttelte den Kopf und blinzelte – und ließ mit einem Schrei ihre Teetasse fallen, als sie etwas Weißes in ihrem Blickfeld sah.

Die Tasse zersprang mit einem lauten Bersten und der restliche Tee schwappte über ihre Füße, doch Arina war es egal, sie sprang keuchend auf und stolperte beinahe. Ohne den Schmerz zu spüren, trat sie in die Scherben, während sie aufgeregt durch die Schlafzimmertüre brach um ins Bad zu hasten. Wie extrem unangenehm kribbelnde Blitze durchfuhr sie die Panik und ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Bevor sie in den Spiegel sehen konnte klatschte sie sich die Hände vors Gesicht. Sie atmete heftig, versuchte, sich zu fokussieren.

„Ist okay … ist okay“, flüsterte sie, „beruhig dich … beruhig dich.“

Langsam wurde das Rauschen in ihren Ohren leiser, ihr Herzschlag langsamer. Immer noch hatte sie die Hände vor den Augen, traute sich nicht, ihren Schutzschild abzulegen. Zögernd lugte sie durch die Spalten zwischen ihren Fingern … und ihr Herzschlag pochte wieder wilder. Zaghaft, so als würde sie sich sonst verletzten, nahm sie die Hände runter – und hielt den Atem an.

Ihre langen Haare waren schlohweiß, ihre eigenen Augen blickten sie golden an.

Mit offenem Mund machte Arina zwei Schritte auf den Spiegel zu. Dann sah sie an sich hinunter. Hob die Hand. Und berührte ihre Haare.

Sie fühlten sich an wie immer. Weich. Warm. Das Weiß war rein und vollkommen klar – kein silber oder grau oder gelb. Weiß wie neuer Schnee.

Als sie wieder hochsah erschrak sie für eine kurze Sekunde. Dieser Anblick war so unglaublich ungewohnt. Besonders als sie noch näher an den Spiegel trat und ihre Augen genauer betrachtete. Ihre Hände verkrampften sich beinahe am Rand des Waschbeckens, als sie bemerkte, dass die goldene Farbe ihre Augen sich bewegte.

Es war als wäre ihre Iris einfach mit flüssigen Gold aufgefüllt … oder überdeckt worden. Arina schluckte schwer, denn ihr Hals war sehr trocken. Sie fand diese Veränderung gruselig. Wunderschön irgendwie. Aber unheimlich. So unheimlich, dass es dafür gar kein Wort gab. Kopfschüttelnd stieß sie sich wieder von dem Waschbecken ab. An die kalten, weißen Fließen ihres Bads gelehnt starrte sie sich selbst weiterhin an, wie eine Fremde … und ihre Augen füllten sich mit Wasser.

„Heute ist keine Zeit für Tränen“, durchbrach eine sonore Stimme die Stille des Raumes und wieder jagte ihr der Schreck einen jähen Blitz durch den Körper, sie zuckte zusammen und wäre beinahe hingefallen, hätte Loki sie nicht am Arm gehalten.

Strange Memories V

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