Strange Memories VI

Strange Memories V

„Was nein?“

„So ziemlich alles: Nein. Du bist nicht dieses Kind. Deine Eltern sind keine Adeligen. Und das Schicksal des Universums hängt auch nicht von dir ab.“

Arina musste zugeben, dass sie schon beinahe enttäuscht war. Doch ehe dieses wohl bekannte, nagende Gefühl wieder Besitz von ihr ergreifen konnte, legte sie nach:

„Was machst du dann hier? Wenn ich keine besonderen Kräfte habe und nicht mit dir kommen soll?“

Loki legte den Kopf schief.

„Das hab ich nicht gesagt.“

Argh.

Der Halbgott nervte sie. Verwirrung machte sich in ihr breit und sie hasste dieses Gefühl. Nicht nachdem sie so viel Planung und Ordnung in ihr Leben gebracht hatte. Seufzend lehnte sich sich ein wenig zurück, als sie bemerkte, dass sie mit dem Oberkörper immer weiter nach vorne gerutscht war.

„Weißt du, wie viele Welten es gibt?“

Arina schüttelte den Kopf.

„Das einzige was ich immer wieder im Fernsehen gehört habe ist Asgard. Aber ansonsten … habe ich mich eigentlich auch noch nie mit nordischer Mythologie beschäftigt.“

„Diese ‚Mythen‘ wie du sie nennst sind alle wahr. Das Kind, das du gesehen hast stammte aus Ljosalfheim, der Heimat der Lichtelben. Es war ein Mädchen. Ein Wesen mit außergewöhnlichen Kräften, dem eine besondere und bedeutende Zukunft vorhergesagt wurde. Eine Zukunft, die sich nie erfüllen konnte.“

„Und was habe ich damit zu tun?“

Loki lehnte sich wieder vor.

„Jede der neun Welten hat einen Beschützer, einen Obersten Zauberer. Arina war dazu bestimmt Oberste Zauberin Ljosalfheims zu werden – doch diese Bestimmung wurde ihr genommen und statt ihrer wurde ihr Mörder in der Zauberkunst unterwiesen.“

„Arina?“, wiederholte sie überrascht. Loki nickte.

„Arina. Dein Ahngeist.“

„Mein … mein was?“

„Das ist das, was ihr Menschen hier … Reinkarnation nennt, denke ich.“

Danach war es still. Im ganzen Raum. In ganz London wie es Arina schien. Der Moment wäre fast ehrwürdig gewesen … wenn er nicht so unglaublich lächerlich wäre.

„Klar“, antwortete sie einfach nur, „warum auch nicht. Und was soll dann jetzt mit mir passieren?“

Ihr Ton war dabei völlig neutral und es amüsierte sie fast, wie der Halbgott vor ihr zögerte.

„Du musst unterwiesen werden.“

„In …Ljo-salf-heim.“

„Nein. Hier. Auf der Erde. Du kannst nicht in Ljosalfheim leben. Du bist ein Mensch.“

Ihre Stirn schlug Falten.

„Ich dachte ich wäre eine Elfe?“

„Lichtelb. Aber nein. Du bist menschlich.“

„Ähm … wieso wurde eure tolle magische Zauberin denn dann nicht als eine von … denen wiedergeboren?“, fragte sie mit skeptischer Miene.

„Arina war das Kind zweier Welten. Ihre Mutter war ein Mensch. Sie wuchs in unserer Welt auf, da ihre Mutter bei der Geburt starb. Kaum ein menschliches Wesen überlebt eine Götter-Geburt.“

In ihren Ohren klang das fast schon anmaßend.

Aber warum denn …

„… unsere Welt? Ich dachte immer, du wärst ein Ase. Oder hab ich das im Fernsehen falsch verstanden?“, hakte sie nach, misstrauisch geworden.

Loki lächelte und das Lächeln hatte etwas Gemeines. Arina fühlte sich auf einmal überhaupt nicht mehr wohl.

„Diese Gestalt trage ich, weil du sie bereits kennst. Ich wollte dich nicht vollkommen überrumpeln.“

Jetzt war sie allerdings überrumpelt. Hektisch stand sie auf. Loki tat es ihr nach. Beziehungsweise … der Andere.

„Dann bist du gar nicht …“

„Loki? Nein. Loki ist tot. Aber meine wahre Gestalt würde dich schockieren, glaub mir.“

Sie glaubte ihm nicht. Als ob sie heute noch irgendwas schockieren könnte.

„Es wäre mir trotzdem lieber, wenn ich wüsste, mit wem ich da rede.“

Er sah sie lange an und zuckte dann einfach mit den Schultern. Eine erstaunlich menschliche Geste. Dann schien sein Haar plötzlich zu ergrauen und zu wachsen. Sie begannen Wellen zu schlagen, seine Augen erstrahlten weiß, sein Gesicht wurde länger, die Wangenknochen höher. Er selbst wurde größer, seine Gliedmaßen schmaler. Nach der Verwandlung stand Arina vor einem Wesen, das sie als das Wunderschönste und gleichzeitig Grausamste ansah, das sie je erblickt hatte. Sie schauderte.

„Mein Name ist Dariel, aus Ljosalfheim. Ich bin der Botschafter der Lichtalben. Und du, Arina, gehörst zu uns, auch wenn du in einem menschlichen Körper geboren wurdest.“

„Kann ich deine Ohren sehen?“, platzte es aus ihr heraus, ehe sie es verhindern konnte.

Dariel sah sie an und aus seinem Blick konnte Arina ein deutliches Echt jetzt? heraus lesen. Sie erwiderte nichts, als er endlich die Haare zurückstrich und sie die spitz zulaufenden Ohren bewundern konnte.

Wie cool … doch sie hütete sich, ihren Gedanken auszusprechen.

„Das musst du auch nicht“, sagte Dariel mit gelangweiltem Ton, „ich wurde mit der Gabe des Lesens vertraut.“

„Lesen kann ich auch“, erwiderte Arina und versuchte, dabei möglichst genauso gelangweilt und desinteressiert zu klingen wie er. Dariel schnaubte.

„Gedanken lesen.“

„War mir klar.“

Er schien sprachlos. Arina unterdrückte ein Lachen.

Anstatt näher auf ihr Geplänkel einzugehen, zog der Elb etwas aus seinem langen silbernen Umhang, der Arina jetzt erst auffiel. Er war extrem aufwändig bestickt. Vermutlich war das Ding doppelt so viel wert wie die ganze Wohnung und ihr Inhalt.

Dariel reichte ihr das Stück Papier. Es war … ein Flugticket.

„Tibet“, seufzte Arina und sah wieder hoch.

„Die Erde hat seit kurzem einen neuen Obersten Zauberer. Er steht noch nicht am Ende seiner Ausbildung, ihm fehlen die Unterweisungen der anderen Welten noch. Doch er ist stark und erlangte Weisheit.“

 

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