Leseprobe VI

Das monotone Piepen des EKGs ging einher mit ihrem eigenen Herzschlag, als sie den sterilen, weißen Raum betrat und sich auf das Bettende setzte. Eine Krankenschwester mit einem blauen Klemmbrett in den Händen kam mit einer älteren Ärztin herein, deren dunkelblonden Haare bereits eine Menge Grau aufzeigten. Ein dickes, goldenes Nasenfahrrad gab ihr einen gütigen Ausdruck, genau wie die vielen Lachfalten um Augen und Mund. Cecilia lächelte. Doktor Elena, die von jedem im Krankenhaus nur Doktor Theresa genannt wurde. Sie prüfte gerade die Werte auf dem Klemmbrett und dem Monitor, als Benedict im Schlaf stöhnte. Cecilia blickte gespannt auf sein Gesicht, dessen Züge sich langsam regten.

„Anna, geh und hohl mir einen Joghurt. Egal welchen, Hauptsache keinen Naturjoghurt.”

Die Krankenschwester nickte eilig und hastete um das Bett herum durch die Tür.

Bens Atem wurde lauter und gleichmäßiger, unter vielem Blinzeln machte er langsam die Augen auf. Cecilia lächelte und spürte, wie Freudentränen sich in ihren Augenwinkeln sammelten.

Benedict drehte den Kopf und sah Doktor Theresa in die Augen. Er atmete einige Male durch den Mund, ehe er fragte in seiner Muttersprache:

„Wo bin ich?” , fragte Ben in seiner Muttersprache.

Sie antwortete mit lachenden Augen: „Im Krankenhaus. Sie haben eine Operation hinter sich. Wie fühlen Sie sich?”

Cecilia war beeindruckt. Die Ärztin sprach genauso exquisites Englisch wie Benedict. Der lächelte.

Es dauerte eine Weile bis er meinte: „Hungrig.”

Sie lachte.

„Ja, das habe ich vermutet. Ein sehr gutes Zeichen. Die Schwester bringt Ihnen gleich etwas, das ihr Magen verträgt.”

„Was ist passiert? Mit den Anderen meine ich? Moritz, ist er wohlauf? Und Anton?”

„Sie meinen Herrn Peppermann? Oh ja, dem geht’s gut. Er hat bloß einen Streifschuss abgekriegt. Warten Sie mal … Moritz …“

Sie blätterte ein paar Seiten um, fand die richtige Liste. Ihr Blick wurde mitleidig.

„Herr Schäfer hat es nicht geschafft. Wir konnten auch gar nichts mehr für ihn tun. Als er hier eintraf, war er bereits eine Stunde tot. Zwei Schüsse in die Brust ohne sofortige Hilfe – das überlebt kaum einer.“

Sie schnaufte durch, Bens Blick war bedauernd. Cecilia guckte ihn rätselnd an. Sie hatte noch nie gesehen, dass die beiden etwas miteinander zu tun gehabt hätten.

Doktor Elena setzte wieder an:

„Ihre Verletzung war ebenfalls sehr schlimm. Drei Zentimeter haben gefehlt, dann hätte die Kugel ihr Herz getroffen. Die Kriminaltechniker der städtischen Polizei meinten, nach Augenzeugenberichten hätte es eigentlich auch so kommen müssen. Der Schütze war so nah an Ihnen dran … Scheinbar hat irgendetwas die Kugel abgelenkt. Sie hatten unwahrscheinliches Glück.”

Ben starrte sie an. Dann guckte er nach vorne, in die Ferne. Nach einigen Sekunden sagte er:

„Nein. Kein Glück. Einen Engel.“

Cecilia lächelte. An Angel.

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