As a tulips tear – Teil I

Kapitel 1 

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Stadt Ederan, Bezirk von Sande, 382 Jahre nach dem fünften Weltkrieg

3127 nach Christus

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9. August

Andran, der persönliche Kammerdiener von Lord Lainester wanderte harschen Schrittes durch die noch völlig verdunkelten Gänge des Anwesens. Die Mädchen der restlichen Dienerschaft und die Tersi – schwebende, kugelförmige Putzroboter – waren währenddessen eilig dabei, die Vorhänge hinter ihm zu öffnen.

Die Flure waren mit prächtigen, royal blauen Teppichen ausgelegt, die Wände wirkten mit all den goldenen, orangen und roten Bilderrahmen beinahe überladen. Doch nur beinahe. Sein Lord glich diesen Anschein dadurch aus, dass die meisten der prunkvollen Einfassungen leer waren.

Er gestattete sich einen kurzen Blick in den blanken Spiegel eines altmodisch geschwungenen Schubladenschrankes, der die Tür zum Schlafzimmer des Lords flankierte. Seine dunkle Haut war ebenmäßig, seine dichten schwarzen Locken ordentlich kurz. Er knöpfte den obersten Knopf seines Fracks zu, strich die Ärmel glatt, dann trat er ein.

Die Vorhänge waren bereits beiseite geschwungen, Licht durchflutete den geschmackvoll eingerichteten Raum, dem es an nichts fehlte. Obwohl er für Andran beinahe kahl wirkte, als er von den außerordentlich ausstaffierten Fluren herein kam.

Sein Herr stand am Fenster und hatte ihm den Rücken zugewandt. Er war alleine in seinen braun-roten Morgenmantel geschlüpft und betrachtete nun, wie sich die Dächer seiner Stadt von der Morgensonne orange tünchten. In der Hand hielt er ein leeres Glas. Auf dem Teppich lag die neue Ipsiuskatze. Ein mechanisches Haustier aus glänzend polierten, authentischen Holzteilen, das man von Hand aufziehen musste. Momentan machte es einen schlafenden Anschein. Andran trat ein und schloss die Tür.

Lord Chadan Johnathan Lainester drehte sich um, und lächelte seinen persönlichsten Diener an. Andran verbeugte sich steif.

„Guten Morgen, Andran. Hatten Sie eine angenehme Nacht?“

Andran nickte.

„Ja Sir, Dankeschön.“

Sein Lord lachte leicht und wandte sich vom Fenster ab. Er stellte das Glas auf seinem Beistelltisch ab und Andran öffnete den Schrank, um die Morgengarderobe seines Herrn herauszunehmen. Er hatte bereits am Vorabend alles zusammengestellt. Sein Lord seufzte ein wenig und schlüpfte aus dem Mantel, Andran begann, ihm in seine Kleider zu helfen.

Lord Lainester hatte breite Schulter, einen muskulösen Körper, der durch den Reitsport regelmäßig gestählt wurde. Sein Gesicht war ebenmäßig, doch Andran würde es nicht als schön bezeichnen. Seine helle Haut stand in großem Kontrast zu seinem dunklen Haar, das wellig über die Ohren wuchs. Für gewöhnlich bevorzugte sein Herr es, sie zurückzuhalten. Lord Lainesters blaugrüne Augen verfolgten ihn aufmerksam, während er gewissenhaft seine Arbeit erledigte.

„Haben Sie heute etwas Spezielles vor?“

Lainester kreiste mit den Schultern und überlegte.

„Die Formalitäten mit Ruma sind geklärt, nach Monaten der Schieberei. Ich denke die Jahreslistung steht erst nächste Woche an?“

„Ganz Recht, Sir.“

„Nun, dann habe ich heute tatsächlich frei. Ich werde mich ein wenig in der Stadt umsehen.“

„Halten Sie das für eine ratsame Entscheidung?“

„Sie etwa nicht?“

Andran schluckte. Solche Gespräche waren immer sehr heikel. Obwohl sein Herr ein großzügiger und ruhiger Mann war, waren sie ihm höchst unangenehm.

„Nun, heute ist Markt, Sir. Und wenn ich bedenke, was vor drei Monaten passiert ist …“

Lainester winkte ab.

„Ihre Sorge ehrt Sie, Andran, doch ich teile sie nicht. Himmel Maria, soll ich mich denn nun mein ganzes Leben lang verstecken? Ich dachte, man hätte den Übeltäter gefasst?“

„Ganz Recht, Sir. Natürlich haben Sie Recht, Sir. Verzeihen Sie, ich wollte nicht dreist erscheinen.“

„Nicht doch, Andran. Wenn ich Sie für Ihre gesprochenen Worte bestrafen würde, müsste ich mich selbst gleich mit an den Pranger stellen, schließlich habe ich Sie dazu gedrängt, sie kundzutun.“

Andran nickte ergeben. Er trat hinter seinen Lord und strich die beiden spitz zulaufenden Enden des dunkelblauen Fracks glatt, die jeweils an einer Seite mit Draht bestärkt waren, sodass sie ein wenig abstanden. Die Glöckchen zum Morgenessen läuteten, und während Lord Lainester hinunter ging, strich Andran die abgelegte Schlafkleidung glatt und legte sie in den Schrank.

 

Lord Chadan lief die Gänge entlang und grüßte seine Hausmädchen, die danach alle kichernd die Köpfe zusammen steckten. Lächelnd trat er die Treppen hinunter und in den Speisesaal.

„Papa!“

Lachend streckte er die Arme aus und hob seine kleine Tochter hoch. Alaizabel strahlte ihn an.

„Na, hast du gut geschlafen?“

Das Mädchen nickte eifrig und ihre schwarzen Locken flogen wild umher.

„Und du?“

„Ich auch“, log er und lächelte, ließ sie wieder runter und gemeinsam setzten sie sich an den langen Esstisch.

„Wann kommt Mama wieder?“, fragte Alaizabel, während Ana, seine zweite Hausdame, ihr Frühstück aufdeckte. Er nippte an dem frischen Orangensaft und antwortete:

„Sie hat sich für morgen früh angekündigt. So wie ich sie kenne, ist sie also spätestens heute Mittag hier.“

Alaizabel lächelte und er wusste nicht, ob es ein ehrliches oder ein gezwungenes Lächeln war. Er fragte auch nicht.

Sie aßen schweigsam und um halb acht kam jemand von den Bediensteten um Alaizabel zur Studie zu bringen. Lord Chadan küsste seine Tochter auf den Scheitel und wünschte ihr einen schönen Tag, während er dabei zusah wie sie munter aus dem Raum hüpfte. Ein kleiner Seufzer entfuhr ihm, als er sich wieder seinem Frühstück zuwendete und nach mehr Waffeln fragte. Erst dann fiel ihm der besorgte Gesichtsausdruck seiner Hausdame auf.

„Ana. Was haben Sie?“, fragte er frei heraus und die feste Frau mit den blauen Locken fuhr ein wenig zusammen. Mit großen, feuchten Augen sah sie ihn an und er konnte tiefe Traurigkeit in ihnen erkennen. Trotzdem antwortete sie nicht. Etwas sanfter fügte er hinzu:

„Kann ich Ihnen irgendwie helfen? Fehlt Ihnen was?“

Sie schluckte.

„Es geht um Rundara, meinen Sohn. Er ist sehr krank. Hustet sehr stark. Und ich … ich weiß nicht mehr weiter.“

Er versuchte es mit einem aufmunternden Lächeln.

„Haben Sie Doktor Jajan schon konsultiert?“

Ihr erschrockener Gesichtsausdruck schockierte ihn beinahe gleichermaßen.

„Ich … ähm … nein, Mylord … ich meine, ich kann doch nicht …“

Er hob die Hand.

„Ach, das ist doch Nichtssinn, Ana. Ihr Sohn ist krank. Lassen Sie die Waffeln Waffeln sein und verbinden Sie bitte das Telefon.“

Sie stotterte und guckte ihn verwundert an, doch gleich darauf sammelte sie sich wieder, knickste ergeben und eilte aus dem Raum.

Er aß seine Butterwaffeln mit Zitronensirup auf, dann folgte er ihr in die Diele.

„Mylord Lainester. Wie kann ich Ihnen zu Diensten sein?“

Er lächelte klammheimlich, was William natürlich nicht entging.

Das „Telefon“ hatte seinen Namen nur behalten, weil man keinen besseren dafür finden konnte. In Wirklichkeit wusste John, dass man dieses Konstrukt früher eher einen „Fernseher“ genannt hätte. Die flache Scheibe war gebogen und an den Seiten waren Sensoren und Initiatoren angebracht, die den Betrachter der Scheibe scannten und sein exaktes Hologramm vor dem Gegenstück – dem Telefon des Anrufers – projizierten. Will´s Ebenbild marschierte gerade vor ihm in kleinen Schritten auf und ab, er machte es den Sensoren schwer ihn weiterhin im Bild zu halten. Hinter Will – auf der Scheibe – sah man sein Doktorzimmer. Allerdings nur als Standbild.

„Sehr witzig, William. Ich brauche zwei Stunden deiner wertvollen Zeit, wir haben hier einen kleinen Notfall.“

Will seufzte theatralisch und hob die Hände.

„John! Ich bin wirklich sehr darum bemüht, unsere Autoritäten aufrecht zu erhalten. Und du machst immer alles zunichte! Notfall? Welcher Art?“

John ignorierte den plötzlichen Tonumschwung und Themenwechsel – von Will war er das bereits gewohnt.

„Der Junge einer meiner Bediensteten leidet wohl unter sehr schwerem Husten. Soll ich dich abholen lassen oder kommst du selbst her?“

Will winkte ab.

„Ich mache einen Spaziergang zu dir. Meine Tasche ist sowieso schon gepackt. Viele Kinder husten zurzeit. Es ist wohl bald wieder Saison. Hoffentlich keine Epidemie.“

John lächelte.

„Du siehst alles immer so schwarz, mein Freund. Du hast bis jetzt noch jede Epidemie in den Griff gekriegt.“

„Ja, kannst du dich an die Lach-Epidemie erinnern, vor zwei Jahren?“

„Natürlich. Ich fand das sehr amüsant. Mein ganzes Haus war erfüllt mit Kinderlachen. Nur schade, dass es den Kleinen irgendwann wehgetan hat. Ich hätte Alaizabel aus der Studie nehmen sollen.“

„Du kannst deine Tochter auch nicht vor allem beschützen.“

„Das will ich auch gar nicht. Sie muss den Ernst des Lebens kennenlernen. Ayila will das bloß nicht einsehen.“

„Das ist doch verständlich. Eine Mutter will ihr Kind behüten.“

„Natürlich. Ana erwartet dich in einer Stunde.“

Will setzte zwei Finger an die Stirn und salutierte, dann legte er auf und John wandte sich lächelnd um.

„Doktor Jajan kommt gleich vorbei. Erwarten Sie ihn in der Einganghalle.“

Ana knickste übertrieben und dankte ihm ergeben.

„Nicht doch, Ana. Lassen Sie bitte nach Mosby und Moja rufen, ich gehe heute auf den Markt.“

Ana knickste erneut und machte sich auf den Weg zu Moja, seinem Chauffeur.

John rief nach Andran, der ihm seinen Spazierstock brachte, dann wartete er auf Mosby und sie eilten durch seine prachtvoll ausstaffierten Räume hinaus auf den Hof.

Moja fuhr mit seinem Wagen vor, der beinahe geräuschlos einen halben Meter über den sandigen Boden seines Einfahrtsrondells schwebte. Das Design war kapselförmig und lief vorne spitz zu, während hinten zwei Fusionsmotoren unter einer roten Abblendung sehr leise summten. Mosby, sein Oberster Diener stieg nach Johns Aufforderung als Erster ein. John wollte ihm gerade folgen, da wurde er aufgehalten.

„Sir! Sir, warten Sie!“, rief Andran aufgeregt und lief ihm storchenbeinig hinterher. Keuchend hielt er ihm seine Kopfbedeckung hin. John lachte dankbar und nahm ihm den Hut ab, der aussah, wie ein ovaler Zylinder, dessen spitze Enden ein wenig hoch standen. Ein magentafarbenes Band schmückte den dunkelblauen Stoff und Andran hatte sein gleichfarbenes Einstecktuch mitgebracht. Er legte seinem keuchenden Diener die Hände auf die Schultern und bekannte:

„Was würde ich nur ohne dich tun, Andran?“

Sein Diener lächelte leicht zögerlich.

„Kleidungsskandale auslösen.“

John lachte laut.

„Ganz recht. Nun, ich denke ich bin in spätestens fünf Stunden und zwanzig Minuten wieder hier. Bitte, bereite mir danach ein Bad vor. Die Stadt ist immer furchtbar aufregend, doch wohl genauso schmutzig. Ach, und falls meine geehrte Frau vorzeitig auftaucht, geben Sie ihr das Schlafzimmer im Weststock. Ich fürchte ich habe das andere Zimmer … naja, nicht so wichtig. Tun Sie es einfach.“

„Sie denken, dass sie früher nach Hause kommt?“

„Allerdings. Sie würde mir niemals die Freude bereiten, fünf ganze Tage Frieden zu erleben.“

„Ähm … Ja, Sir.“

„Nur ein Scherz, Andran. Ich weiß ja, wie sehr die Dienerschaft sie liebt.“

Andran schluckte. Dreimal. John lachte über diese Antwort. Seine Frau war die liebste, herzensgütigste Person unter der erdlichen Sonne.

Er setzte seinen Zylinder auf, nickte seinem Diener zu und stieg ein. Bevor die Tür wieder zu fuhr, sagte Andran:

„Ach … Sir?“

„Ja?“

„Ich wünsche Ihnen einen fröhlichen Geburtstag.“

John grinste ihn spitzbübisch an.

„Ich danke dir, Andran. Ich suche mir was Schönes aus. Soll ich dir was mitbringen?“

„Nein Sir, vielen Dank.“

„Nicht doch. Was wollen Sie?“

Andrans linkes Auge zuckte in wenig. Ein Zeichen dafür, dass er etwas krampfhaft zurückhielt.

„Raus damit!“

Andran machte den Mund auf und stotterte.

As a tulips tear II

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