Interview mit Protagonist

Interview mit Benedict Cavanaugh (36)

Der Raum ist mit Holz ausgekleidet, angenehm warm, hell und freundlich. Die vielen Türen, die zum Garten hinausführen wurden geöffnet und eine schwache Brise umschmeichelt die Nase der Interviewerin, die bereits auf einem der beiden Sessel sitzt, die extra für diesen Anlass in den sonst leeren Raum gestellt wurden. Die Vögel zwitschern, die Sonnenstrahlen glitzern durch die noch dichten, grünen Blätterdächer der Akazien und Douglasien. Als sie hört wie die Tür sich öffnet wendet sie sich lächelnd um und steht auf. Der Mann mit den dichten braunen Locken und den schelmisch blitzenden, blauen Augen geht auf sie zu und zieht sie in eine schnelle Umarmung.

„Hallo Saphira, ich entschuldige mich vielmals für die Verspätung, aber ich …“

„Ist schon okay Ben. Du bist nicht zu spät. Ich bin nur zu früh.“

(Ben lacht)

„Okay. Dann ist ja alles in Ordnung. Wollen wir beginnen?“

„Das ist mein Satz.“ 

„Oh. Ja entschuldige …“

SvS: „Also, Mr. Cavanaugh …“

(Das Interviewopfer verzieht seine Lippen zu einem amüsierten Lächeln)

Ben: „Miss von Sande …“

(Interviewerin muss sich ein ebenso amüsiertes Lächeln verkneifen)

SvS: „Sie kommen aus London, richtig?“

Ben: „Das stimmt. Ich lebe nun allerdings bereits seit 14 Jahren in Deutschland.“

SvS: „Wie kamen Sie dazu, nach Deutschland zu ziehen?“

(Mr. Cavanaugh beugt sich vor und lehnt seine Ellenbogen auf seine Knie, während er nach den richtigen Worten zu suchen scheint)

Ben: „Nun, anfangs bewogen mich persönliche Gründe dazu, dieses Land für einen längeren Zeitraum zu besuchen. Geblieben bin ich dann wegen des Jobs, wegen der bereits gewohnten Umgebung … und dem guten Essen.“ (lacht)

SvS: „Also geben Sie zu, dass die englische Essenskultur der deutschen weit unterlegen ist?“

Ben: „Welche Essenskultur?

(Beide lachen)

Ben: „Ich muss schon zugeben, was die Kulinarik angeht, hinken wir anderen europäischen Ländern schon deutlich hinterher – dafür gibt es andere Bereiche, in denen man uns Engländer nie schlagen wird.“

SvS: „Ein Beispiel?“

Ben: „Nun, die Teekultur beispielsweise. Architektur. Und die Trinkfestigkeit.“ (lacht wieder)

SvS: „Ganz zu schweigen davon, dass London scheinbar als einzige Stadt noch waschechte Gentleman hervorbringt.“

Ben: „Danke dear.“ (Wird leicht rot)

SvS: „Nun, kommen wir zu deiner derzeitigen Lage … Wie bist du Cecilia zum ersten Mal begegnet?“

Ben: „Oh, das ist schon eine sehr seltsame Geschichte … und wenn ich genau darüber nachdenke auch ein wenig komisch. Laut ihr begegneten wir uns ja bereits im Zug nach Dresden, daran kann ich mich aber beim besten Willen nicht erinnern. Das erste Mal bemerkt habe ich sie nach dem krassen Banküberfall, als sie …“

SvS: „Stopp Ben, wir … Äh, ich meine … Stopp, Mr. Cavanaugh! Wir wollen ja noch nicht zu viel verraten!“

Ben: „Stimmt. Entschuldige.“

SvS: „Kein Problem, war vielleicht auch eine missverständliche Frage. Kommen wir zu nächsten. Was ich ja schon immer mal wissen wollte: Wann hast du begonnen, sie zu vermissen und wie sehr hat sie dir schließlich gefehlt?“

(Ben schweigt ein Weilchen, scheint abzuwägen.)

SvS: „Nicht konstruieren, Mr. Cavanaugh. Einfach frei heraus.“

(Ben atmet schwer aus)

Ben: „Vermisst? Vermisst habe ich sie seit dem Moment, in dem ich sie nicht mehr spüren konnte. Als die Tür sich damals öffnete, wusste ich innerlich bereit, dass ich einen fürchterlichen Fehler begangen habe, auch wenn ich mir das lange Zeit später noch nicht eingestehen wollte. Als Melissa immer mehr offenbarte und ich diesen schicksalshaften Traum hatte, wusste ich, dass ich etwas verloren hatte. Ich hatte etwas verloren, was unwiederbringlich weg war. Etwas wunderschönes, einzigartiges. Cecilia hat mein Leben nicht nur gerettet, sie war mein Leben. Als ich meinen Engel von mir gestoßen habe, habe ich zeitgleich mein Herz raus gerissen.“

(Saphira schweigt. Und blinzelt.)

SvS: „Wouw. Das klingt ja heftig.“

(Ben lächelt leicht, mit einer unglaublich tiefen Traurigkeit in den Augen)

Ben: „Das ist es auch.“

SvS: „Puuh … jetzt … fallen mir keine Fragen mehr ein. Greifen wir zu einer Standartfrage zurück: Was sind deine Hobbies?“

Ben: „Mh… Da hätten wir zum einen Fußball. Ich trainiere die Nachbarskinder. Dann habe ich einen ausgemachten Faible für Pflanzen, ich lese sehr gerne, natürlich arbeite ich auch gerne und … gehe gern shoppen.“

SvS: „Shoppen!?“

(Ben lacht)

Ben: „Ja, aber dank Cecilia weiß ich ja inzwischen schon, dass ich wohl einen absolut grausamen Modegeschmack habe.“

SvS: „Nun jaa …“

Ben: „Das ist okay. Wenn ich das auch noch könnte, würde ich mich ja an mir selbst verbrennen.“

(Saphira lacht.)

Ben: „Nun sieh: Ich sehe gut aus, ich verdiene gut, ich bin groß, sportlich, männlich, dominant, einfühlsam und zärtlich. Ich kann kochen, ich führe mein Mädchen gerne aus, ich zeige es gern her und außerdem bin ich Engländer.“

SvS: „Du hast vergessen, dass du absolut bescheiden bist.“

Ben (mit einem verdammt sexy schiefen Lächeln): „You got it.“

(Saphira lacht)

SvS: „Nun, dann will ich Cecilia nicht länger mit deiner Abwesenheit foltern. Ich danke dir vielmals für dieses bereichernde Interview.“

Ben steht auf und reicht Saphira eine Hand, die ebenfalls aufsteht. Küsschen, Küsschen, rechte Wange, linke Wange. Ein verschmitztes Lächeln, ein trauriger Blick, ein intimer Moment … dann verblasst der Raum um sie herum.

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