Leseprobe VII

Cecilia riss die Augen auf.

„Du bist seit über zweihundert Jahren hier?“

Annette nickte.

„Es verfolgt misch. Aber isch will nischt ge`en. Isch will bleiben und mein Werk vollenden. Wann es su Ende ist – das entscheidet nischt das Schicksal. Sondern isch.“

In Cecilia wuchs neuer Respekt, ja gar Ehrfurcht heran.

„Mich verfolgt es nicht“, gab sie daraufhin zu. „Mary hat mir von dem Schimmern erzählt. Aber ich sehe es nicht. Ich könnte nicht weitergehen, selbst wenn ich wollte.“

Annette runzelte die Stirn.

„Nach überr neun Monaten? Von so etwas `abe isch noch nie ge`ört.“

Cecilias Hoffnung vielleicht etwas Neues zu erfahren, verflüchtigte sich ebenso schnell, wie sie gekommen war. Sie ließ die Schultern leicht hängen. Nichts, was Annette entging.

„Nischt verssagen, Schätzschen. Auch isch `abe noch nischt alles gese`en.“

Verzagen. Sie meint verzagen.

Sie lächelte, leicht amüsiert.

„Na, das ist doch gleisch viel besser!“

Cecilias Lächeln wurde breiter.

In dem kleinen Zimmerchen, das Annette ihr hergerichtet hatte, befand sich außer einem riesigen Himmelbett, das den Großteil des Raumes einnahm, nichts weiter als ein Teppich, ein Schrank, sowie ein Kamin, durch den das Zimmer besonders gemütlich und einladend wirkte.

Annette ließ sie allein, Cecilia zog ihre Kleider aus, kuschelte sich in die Decken und dachte über Annette nach. Sie hatte sich dazu entschieden, ewig zu leben. Und auch wenn sie es gern so bezeichnete, sie „lebte“ nicht wirklich. Sie existierte nur.

Und irgendwie auch das nicht. Wie würde ich mich entscheiden, wenn ich die Wahl hätte zu gehen? Würde ich bleiben? Sie dachte an Ben. Sein Bild in ihrem Kopf bereitete ihr erneut Schmerzen, doch sie zwang sich, klar zu denken. Was wäre gewesen, wenn er Melissa nie kennengelernt hätte? Wie hätte sie weitergemacht? Wie lange wäre sie bei ihm gewesen? Hätte sie seine Hochzeit mit angesehen? Seine Kinder? Seinen Tod? Hätte sie es ertragen?

Ich hätte nie bei ihm bleiben können. Er hat ein Leben verdient. Und ich verkörpere genau das Gegenteil. Es war gut, dass ich gegangen bin. 

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