Strange Memories VIII

3. Kapitel

„Was soll das denn jetzt?“, rief sie ihm hinterher, „Du klärst mich über irgendein haarsträubendes Schicksal auf und ehe ich überhaupt alles verstanden habe, haust du gleich wieder ab!?“

Sie erhielt keine Antwort. Arina wartete. Lauschte. Es wurde still in dem Raum und gleichzeitig auch immer dunkler. Die Nacht hatte Einzug gehalten und sie vernahm bald nichts mehr außer dem gedämpften Verkehrslärm und den gleichmäßigen Ticken ihrer Wanduhr.

Die junge Frau musste sich setzen.

Irgendwann wusste sie nicht mehr wie viel Zeit sie schon verstreichen hatte lassen, während sie dort in ihrem dunklen Wohnzimmer saß und das Flugticket anstarrte.

„Ich habe ein Leben“, flüsterte sie, „ein geordnetes Leben. Einen Job, der mich gut über Wasser hält. Gute Freunde. Ich lebe in einer großartigen Stadt. Wie könnte ich das alles jetzt aufgeben … für ein Hirngespinst?“

Sehnsucht.

Das war das Gefühl, welches Arina aus ihrem Herzen verbannt hatte. Vor Jahren, um nicht mehr darunter leiden zu müssen, ihr nie hinterher zu kommen. Es war die Sehnsucht nach einem … anderen Leben. Aufregung. Abenteuer. Bedeutung.

Danach, etwas Wundervolles zu tun, etwas in der Welt zu bewegen. Und dabei gesehen zu werden.

Sie wünschte es sich. Und wie sehr sie es sich wünschte. Ihr ganzer Körper verzehrte sich danach, ihr Bauch zog sich zusammen und ihr Herz schlug schneller, als der brennende Schmerz dieser Gedanken sie erneut überkam, so heftig wie noch nie. Tränen schossen ihr in die Augen und sie krümmte sich zusammen. Ließ sich zur Seite fallen und schloss die Arme um ihre Knie, zog sie an ihr Kinn. Sie ließ die Tränen laufen und erzitterte unter dieser Last der verdrängten Gefühle.

Déjà-Vus aus vergangenen Nächten holten sie ein. Nächte, in denen sie schreiend aufgewacht war und sich mit weißem Haar im Spiegel erblickt hatte. Und immer wieder hatte sie es am darauffolgenden Morgen vergessen.

Ihre Finger fuhren durch ihr Haar. Es strahlte immer noch in dieser ungewohnten Farbe. Im hereinbrechenden Mondlicht schien es fast schon zu leuchten.

Eigentlich ist es wunderschön … wenn es doch nur so bleiben könnte, dachte sie und schlummerte mit diesen Worten ein.

Tschirp … Tschirp … Tschirp … Tschirp … Tschirp … Tschirp …

Der Raum hing wieder voller Uhren, als Arina hindurch rannte. Angst trieb sie voran, eine unermessliche Panik. Angst um ihr Leben. Sie hörte das Kreischen der schwarzgeflügelten Wesen hinter ihr … sie kamen immer näher. Tschirp … Tschirp … Tschirp …

Arina rannte schneller, Tränen rannen ihre Wangen hinunter, die Schmerzen in ihrem Rücken wurde unermesslich. Er brannte, wurde immer heißer. Die Haut riss auf und Arina schrie, schrie sich die Stimme aus dem Leib. Die Schmerzen schüttelten sie und plötzlich strahlte die ganze Halle in goldenem Licht, das aus ihren Händen zu kommen schien …

Tschirp … Tschirp … Tschirp … Tschirp … Tschirp … Tschirp …

Die Wesen verschwanden mit markerschütterndem Gekreische, als würde das Licht ihnen unglaubliche Schmerzen bereiten …

TSCHIRP!

Sie schreckte hoch.

Memo an mich selbst. Es ist eine total bescheuerte Idee, Vogelgezwitscher als Weckalarm zu wählen …

Seufzend und mit geradezu unmenschlichen Schmerzen am Rücken rappelte sie sich langsam auf, nachdem sie endlich aufgewacht war.

„Es ist auch eine total bescheuerte Idee, nachts auf der Couch einzuschlafen“, sagte sie sich, und bereute diese Entscheidung zutiefst, während sie aufstand und ihr Rücken sie anzickte. Noch einmal seufzte sie tief, blies sich die hellen Haare aus dem Gesicht und ging in die Küche, um ihre Teemaschine zu aktivieren. Sie war kein großartiger Kaffeetrinker. Und am morgen half ihr nur eine goldene Tasse Darjeeling auf die Beine.

Arina verdrängte die Erinnerungen an gestern Abend … darüber würde sie sich später den Kopf zerbrechen. Mit müden Fingern strich sie sich die wirren Haare abermals aus dem Gesicht … und erstarrte, als sie ihnen endlich richtig gewahr wurde.

„Oder auch nicht“, sagte sie laut und blickte auf die Strähnen. Sie waren weiß.

Noch immer.

„Oh scheiße“, flüsterte sie und rannte ins Bad. Ihr Spiegelbild blickte ihr mit goldenen Augen entgegen. Das Lächeln zupfte an ihren Mundwinkeln, doch es verschwand augenblicklich wieder, als sie an ihre Arbeit dachte.

Die Menschen würden sie für verrückt erklären. Katie würde es mit Sicherheit cool finden, aber Mr. Jenkins …

„Oh Gott scheiße“, hauchte sie panisch und ihre Stimme glich einer Minnie Maus, „Dariel. Was hast du gemacht?“

Die Antwort hörte sie in ihrem Kopf.

Gar nichts. Du hast es dir gewünscht. Das ist deine wahre Herkunft.

Ob er ihr nun geantwortet hatte, das Universum oder sie langsam einfach nur verrückt wurde wusste sie nicht, es war ihr auch egal. Nur wurde ihr schlagartig klar, dass sie sich nicht mehr zurück verwandeln würde. Und als sie genauer hinsah bemerkte sie auch die anderen Veränderungen an ihr.

Ihr Gesicht war schmaler. Sie war größer. Ihre Wangenknochen irgendwie ausgeprägter. Sie sah an sich hinunter und erwartete schon fast eine perfekte Modelfigur zu sehen, wurde jedoch enttäuscht. Ihr Dekolleté hatte sich auch nicht großartig verändert und sie rollte spielerisch mit den Augen. Trotzdem … als sie auf ihre Hände sah erschrak sie schon fast. Ihre Finger waren lang und schlank, genau wie ihre Nagelbetten, schmale Fesseln, zarte Haut … ihre Hände wirkten richtig elegant. Als sie wieder in den Spiegel blickte bemerkte sie auch die tiefschwarzen Wimpern. Irgendwie sah Arina nicht mehr wirklich aus wie sie selbst.

Und es überraschte sie, dass sie das nicht im Geringsten störte.

Allerdings konnte sie ziemlich genau die Reaktion ihrer Mitmenschen einschätzen. Sie sah sich in der Zwickmühle. Sie musste in die Drogerie.

„Was soll heißen, du kommst später?“

„Nur zwei oder drei Stunden Mr. Jenkins … bei mir ist was passiert und … ich muss das Chaos hier beseitigen.“

Arina kreuzte zwei Finger hinter dem Rücken während sie wartend auf ihrer Unterlippe herum kaute. Ihr Chef seufzte. Komm schon, dachte sie sich nur, ich war bisher jeden Tag früher da … meine Überstunden könntest du gar nicht zählen.

„Alles klar, Arina. Dir ist doch nichts passiert?“

Die Frage rührte sie und lächelnd antwortete sie: „Nein Mr. Jenkins, alles in Ordnung. Ich muss hier bloß … naja. Sachen erledigen.“

„Okay. Bis später.“

Sie legte auf und atmete erleichtert durch. Dann hüpfte sie ins Bad.

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